Seeschwäbischer Meister:
CHRISTUS UND 6 APOSTEL

Von einem Zyklus der AUSSENDUNG DER APOSTEL

 

 

Um 1320-30
Aus Sigmaringen-Laiz, Landkreis Sigmaringen. Schreinfiguren eines Apostelaltars der Kirche St. Peter und Paul, einst Klosterkirche der Franziskanerinnen. Zugehörig die gefaßte Apostelfigur im Museum Hechingen, Zollernalb-Kreis (Inv. Nr.123).

Vier Figuren aus Eichenholz, zwei aus Lindenholz und eine aus Kastanienholz. Rund bearbeitet. Freistehende Hände angestückt, zwei davon fehlen. CHRISTUS ohne Buch, APOSTEL ursprünglich alle mit Buch. PETRUS mit dem Schlüssel ausgezeichnet. JOHANNES ohne Bart. Fassung abgenommen. Spuren der weißen Grundierung und der Farben erkennbar.
Höhe der Figuren 66-69 cm, Breite 16-19 cm, Tiefe etwa 14 cm.

 

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Einer der frühen schwäbischen Schnitzaltäre stand in der Pfarrkirche St. Peter und Paul zu Laiz. Neben der Kirche, deren rechteckiger Chorraum auf einen um 1200 errichteten romanischen Bau mit Ostturm zurückreicht, hat sich aus einer um 1308 gegründeten Klause ein Frauenkloster der Franziskanerinnen entwickelt, welches 1356 erstmals urkundlich nachzuweisen ist und 1782 aufgehoben wurde. Zur Gründungszeit des Klosters, wohl um 1320-30, wurde im Chor ein Schnitzaltar zu Ehren der Apostel Petrus und Paulus aufgestellt, der um 1765 einer barocken Ausstattung weichen mußte.


DER LAlZER APOSTELZYKLUS

Vom ehemaligen Laizer Schnitzaltar sind noch acht Figuren einer AUSSENDUNG DER APOSTEL erhalten, von denen Christus und sechs Apostel in Rottweil, eine zugehörige Apostelfigur in Hechingen bewahrt werden. Zweifellos gehörten zu diesem Zyklus ursprünglich zwölf Apostelfiguren, die zu beiden Seiten Christi gruppiert waren. Die fehlenden Figuren sind verschollen.

Der Laizer Apostelzyklus ist in strenger Geschlossenheit und mit verdichtetem Ausdruck gestaltet. Die um Christus versammelte Apostelschar ist von feierlichem Ernst und glühendem Glaubenseifer durchdrungen. Am eingeengten Bewegungsraum der schmalen Gestalten ist noch deutlich der Holzblock zu verspüren, aus dem sie herausgehauen worden sind. Die Biegungen in den Hüften und der Faltenwurt der Gewänder folgen sichtlich dem Faserwuchs des Eichenholzes, etwa einem gebogenen Aststück, das den Bildschnitzer zur Formung anregt oder zwang, und selbst noch den Betrachter zum Nachempfinden veranlaßt. Die gedrungenen Gestalten sind "aus hartem Holz gewachsen" und vermögen durch ihre mit mühevollem Messerschnitt erzwungenen Formen viel Urwüchsigkeit und Festigkeit auszustrahlen. Die Umrisse der Figuren bleiben ringsum streng geschlossen. Nur die Bärte lösen sich kühn von der Brust, und vereinzelt tritt eine angestückte Hand aus der blockhaften Masse hervor. Einige davon sind aus dem Bohrloch in der Ärmelöffnung ausgebrochen und verlorengegangen. Die Verlagerung der Körperlast auf das eine oder andere Bein ist nur schwach angedeutet und am sichersten aus der Stellung der unter dem Gewandsaum hervortretenden Zehen zu erkennen, wie sie beim Standbein etwas zurückgestellt und beim Spielbein seitlich vorgesetzt sind. Auch die im Kontrapost folgende Ausbiegung der einen Körperseite ist nur schwach im Vergleich mit den Beispielen der zeitgenössischen Monumentalplastik, etwa den wenig später entstandenen Propheten- und Apostelfiguren des Rottweiler Kapellenturms.

Die Köpfe der Laizer Figuren sind viel zu groß im Verhältnis zu den schmalen, schlanken Gestalten. Sie messen weniger als ein Sechstel der ganzen Körpergröße, die der schlanken und überaus hochgewachsenen Propheten des Rottweiler Marienmeisters dagegen nur ein Achtel. Die übergroßen, unter der Gedankenlast leicht vorgesunkenen Köpfe der Laizer Glaubensboten wenden sich im Zwiegespräch einem Nachbarn zu. Strähnige Haare und Bärte umschließen die hart geschnittenen Gesichter. Tiefe Denkfalten durchfurchen die breite Stirn. Augenbrauen und Nasenrücken treten schart hervor. Die Augen liegen tief im Bett der schweren Lider. Die Jochbeine schwellen ausgeprägt hervor, doch die Wangen versinken hinter den verloren ansetzenden Barthaaren. Ein harter Zug liegt um den schmalen Mund mit der vorspringenden Unterlippe. Die Mundwinkel werden vom herabhängenden Schnurrbart verdeckt. Der Bogen im geschnittene Vollbart verleiht dem Gesicht Kühnheit und Kraft. Die hart gestrählten Haare sind über der Stirn kurz abgeschnitten und fließen in Wellen seitlich auf die Schultern herab.

Christus und seine Jünger sind schlicht und einheitlich gekleidet. Das weite Gewand reicht bis zum Boden. Die am Körper enganliegende Fältelung öffnet sich zu vollen, lang aushängenden Röhrenfalten, die vom Spielbein leicht zur Seite gezogen werden. Am Halsausschnitt bildet sich eine charakteristisch geformte Umlegfalte, die allen Figuren wie ein Wahrzeichen auf der Brust liegt. Das Manteltuch hängt in langer Bahn um die Schultern, reicht in seiner Breite hinten fast bis auf den Boden, wird von den angehobenen Unterarmen seitlich hochgezogen und vor dem Körper gerafft. Dabei zieht der Mantelsaum träge über Höhen und Tiefen der Gewandfalten hinweg. Aus den quer vor dem Leib hängenden Faltenzügen bilden sich spitz auslaufende Traufenfalten. Alles Körperhafte bleibt hinter dem schweren Faltenwerk verborgen und wird am ehesten um die Schultern und Arme spürbar.

Um so wirksamer sind die sprechenden Gesten der Hände, die durch ihre fest geschlossene Form und bedeutungsvolle Aussage dem Dialog der Nachbarn eine entschiedene Wendung geben. Wenn auch der Laizer Apostelzyklus nicht mehr vollständig erhalten ist, so läßt sich doch das Thema der dargestellten Szene aus den Rollen der markanten Gestalten erkennen. CHRISTUS ist die zentrale Gestalt inmitten der versammelten Jünger. Mit entschiedener Haltung und zeichenhaften Gesten gibt der Auferstandene seinen Auftrag weiter: "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch" (Joh. 20,22) und er forderte sie auf, alle Völker zu lehren und zu taufen (Matthäus 28, 16-20 und Apostelgeschichte 1,1-8). Während Christus als Lehrmeister ohne Buch erscheint, tragen alle seine Jünger als Zeichen ihres Lehrauftrags ein Buch in Händen und bekunden eifrig ihre Bereitschaft, seine Lehre zu verbreiten. Auch dem einzig ohne Buch dastehenden Apostel war es sicher in die jetzt fehlende Hand gegeben.

Unter den ehrwürdigen Glaubensboten ist allein der jugendfrische JOHANNES ohne Bart zu finden. Voll Eifer zeigt er in das aufgeschlagene Buch und bezeugt seinen Bericht über das Geschehnis (Joh. 20, 30-31). PETRUS trägt außer dem Buch auch noch den (ohne Bart erhaltenen) Schlüssel als Zeichen seiner Vollmacht, vielleicht auch, um ihn aus der Schar der Apostel als Kirchenpatron hervorzuheben. Ob auch PAULUS als der andere Patron von Laiz etwa durch ein Schwert gekennzeichnet war, kann im Hinblick auf den Apostel (8), dessen fehlende rechte Hand vielleicht ein solches Attribut gehalten haben könnte, als unwahrscheinlich betrachtet werden.

Schließlich darf noch der Apostel, der so nachdrücklich auf eine Stelle in seinem aufgeschlagenen Buch zeigt, als der Evangelist MATTHÄUS bezeichnet werden, weil auch er über die Aussendung der Apostel berichtet hat. Alle andern Apostel stehen mit geschlossenem Buch ohne zusätzliches Merkmal namenlos in der Reihe.

Die Ordnung der in Rottweil bewahrten Figuren kann nach verschiedenen Gesichtspunkten vorgenommen werden. Immer wird Christus in der Mitte stehen müssen, Johannes und Petrus wohl zu seinen Seiten, die andern Apostel paarweise im Gespräch gruppiert.

Schließlich ist eine Gruppierung des vollzähligen Zyklus nicht ohne die Farben zu denken, denn sie haben Ausdruckskraft, ja symbolische Bedeutung. Die Fassung einzelner Figuren kann noch aus spärlichen Resten nachgewiesen werden, die sich trotz der Ablaugung in Ecken und Ritzen erhalten haben. Gewand und Mantel waren in Farbkontrasten unterschieden, das Inkarnat schlicht getönt, das Bodenstück grün bemalt. Eine Vergoldung einzelner Teile ist nicht festzustellen. Den Eindruck der ursprünglichen Fassung vermag noch die in Hechingen bewahrte Figur des Laizer Apostelzyklus zu vermitteln.