Seeschwäbischer Meister: SITZENDE MARIA mit Kind

 

 

Um 1300
Aus Singen-Überlingen am Ried, Landkreis Konstanz

Lindenholz, ausgespänt. Rückseite flach und ausgehöhlt, ehemals
durch ein mit neun Holzdübeln befestigtes Brettstück geschlossen
und rund bearbeitet. In der Aushöhlung schwacher Stellen eingeleimt:
eines in Höhe des Halses, ein anderes im Bereich der unteren Gewandfalten,
etwa 10 cm über der Standfläche und rechts der Mitte. Alte Ausflickungen
des Holzes am Kopftuch, an der rechten Hand samt der Birne und am rechten
Unterarm des Kindes. Ehemals gefaßt, vielleicht auch gekrönt.
H 96 cm, B 40 cm, T noch 22 cm.

 

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Die Gottesmutter sitzt frontal auf einem schlichten Block, vor dem eine im halben Achteck beschnittene Stufe liegt. Maria wendet sich dem auf ihrem Schoß sitzenden und eng an ihre Brust gelehnten Kinde zu. Während sie das Kind mit ihrer linken Hand im Rücken stützt, hält sie ihm mit der rechten eine Birne hin. Der in ein Tuch gehüllte Gottessohn rankt sich mit beiden Armen an der Mutter hoch, zieht an ihrem Mantel und wendet das runde Köpfchen aufmerksam zum Betrachter.

Das Antlitz Mariens ist von einem verträumten Lächeln erfüllt. Unter der frei gewölbten Stirn und den zur Nasenwurzel zusammengezogenen Augenbrauen blicken die pupillenlosen Augen aus eigenartig schräg gestellten und engen Sehschlitzen verloren nach unten.

Über die gespannten Wangen, um die feinen Nasenflügel und die vertieften Mundwinkel spielt ein inniges Lächeln, und die leicht geöffneten Lippen scheinen einen kosenden Laut zu verlieren.

Das lange Manteltuch ist schützend über den Kopf geworfen, wird auf der Brust von einer runden Fibel zusammengehalten und verdeckt das Gewand fast ganz. Über der Stirn verläuft der Saum des Tuches allzu steif und unvermittelt, wohl erst als Folge einer ungeschickten Ausflickung des Holzes. Seitlich aber ziehen schwungvolle Faltenscharen und lockere Haarwellen einen schattenbildenden Rahmen um das beseelte Antlitz der Gottesmutter. Scheinbar spielerisch und dennoch wohldurchdacht legt sich das kunstvolle Gefüge der Gewandfalten um die aufrecht sitzende Gestalt. Reiche Faltengebilde betonen mit ihrem ständigen Wechsel von Fallen und Stauen, Hängen und Ziehen die verhaltenen Bewegungen der Glieder und lassen den Körper in frommer Scheu nur ahnen.

Das spannungsvolle Formenspiel läßt kein Gefühl der Leere aufkommen: Ein besonderer Einfall des Bildschnitzers, wie sich der schlängelnde Windelzipfel in die tief aushängende Schoßfalte schmiegt!

 

Die Überlinger Madonna gilt als besonders ansprechendes Beispiel jenes um die Wende zum 14. Jahrhundert entstandenen Typus von Sitzmadonnen, deren Haltung nicht mehr statuarisch steif und majestätisch thronend, sondern lebensvoll bewegt, und deren Ausdruck nicht unnahbar fremd, sondern menschlich rührend und fromm ist. Dieser Wandel hat sich unter dem Einfluß der Mystik vollzogen, deren Weltentsagung und Frömmigkeit nach neuen Typen religiöser Andachtsbilder verlangten. Die aus süddeutschen Frauenklöstern stammenden CHRISTUS-JOHANNES-GRUPPEN sind ein künstlerischer Ausdruck der in Andachten geübten Christusminne. Die Hingabe an das Leiden Jesu oder die Vertiefung in den Schmerz seiner Mutter prägten neue Andachtsbilder von der KREUZTRAGUNG CHRISTI, von MARIÄ OHNMACHT oder das zu bestimmter Stunde des klösterlichen Gottesdienstes betrachtete "VESPERBILD" von der MARIENKLAGE um den Leichnam ihres Sohnes.In gleicher Weise ist auch die Überlinger Madonna als Andachtsbild zur frommen Vertiefung in die Gottesmutterschaft Mariens zu verstehen. Die innige Verbindung von Mutter und Kind, die zärtlichen Regungen und sanften Bewegungen sind allerdings hier noch weitgehend im Holzblock gebunden. Die Innerlichkeit und Versunkenheit der Gottesmutter wird wohl durch die ehemals vorhandene Bemalung noch verstärkt worden sein.

Die Überlinger Madonna ist das Werk eines vermutlich am westlichen Bodensee bei Radolfzell oder im Linzgau nördlich Meersburg tätigen Meisters. Verwandte Werke sind die Linzgau-Madonna im Badischen Landesmuseum Karlsruhe (lnv. Nr.C 9777, Sitzende Maria mit seitlich auf der Bank stehendem Kind, um 1310) und ein Vesperbild aus Radolfzell im Augustinermuseum Freiburg/Breisgau (lnv. Nr.S 34/D, um 1340).

Aus der Geschichte von Überlingen am Ried, das früh zum Kloster Reichenau gehörte und 1298 mit Radolfzell an Österreich gelangte, ergeben sich keine sicheren Anhaltspunkte, wann die Madonna in die Kirche St. Peter und Paul kam. Diese wurde 1862 durch einen Neubau ersetzt. Die Überlinger Madonna stand bereits 1851 in der Lorenzkapelle zu Rottweil und muß kurz zuvor von Dekan Dursch für seine Sammlung erworben worden sein.

 

 

Lit.: Dursch, 1851,S.22, Nr.102.
Schuette, 1907 (2), S.92, 108 f.
Baum, 1921,S.100,132,142, mit Abb. 22.
Verres, 1928, 5. 358 f. - Baum, 1929, S. 23, Nr. 1 mit Abb. 5.3,4.
Futterer, 1930, S.20, 117; Abb. 292.
Paul Schmid, 1934, S. 14 mit Abb. Tafel 1, Fig. 1.
Knoepfli, 1972, S. 78, Nr. 30 mit Abb. 5. 79.