DER MEISTER VON ERlSKIRCH

 

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts war am Bodensee ein künstlerisch hochbegabter Bildschnitzer tätig, der als "Meister von Eriskirch" nach der Herkunft von vier Holzbildwerken benannt wird, die offenbar von verschiedenen Figurengruppen stammen und in Rottweil bewahrt werden: Eine Heimsuchungs-Gruppe mit Elisabeth und Maria, eine trauernde Maria von einer Kreuzigung und eine trauernde Maria Magdalena von einer Grablegung Christi.

Eriskirch liegt am Bodensee und war eine vielbesuchte Wallfahrtsstätte zu Ehren der Muttergottes und des Schutzheiligen Eris. Ob die genannten Figurengruppen ursprünglich für Eriskirch geschaffen worden sind und nach der Vermutung einiger Forscher etwa in Wandnischen das Innere oder Äußere der Wallfahrtskirche zierten, kann nicht mit Bestimmtheit behauptet werden. Es könnte sein, daß sie von der zu einigem Reichtum gelangten Kirchenpflegschaft später irgendwo erworben worden sind, wie auch der 1486 von Hans Rueland für Markdorf geschaffene Schnitzaltar, der 1660 nach Eriskirch verkauft wurde und von dem nur noch zwei Schreinfiguren nachzuweisen sind: Eine Madonna im Besitz von Eriskirch und eine Nikolausfigur in der ehemaligen Sammlung Dursch zu Rottweil (35).

Als der Meister von Eriskirch um 1420 seine schicksalergebenen und trauerbeladenen Frauengestalten schuf, war er bereits auf dem Höhepunkt seiner Kunst. Eriskirch kann jedoch nicht der Standort seiner Werkstatt gewesen sein. Er könnte in einer der Städte am westlichen Bodensee gearbeitet haben, wie die Herkunft einiger ihm zugeschriebener Bildwerke vermuten läßt. Der Meister steht mit seiner lebensnahen und ausdrucksvollen Kunst am Anfang einer neuen Entwicklung in der schwäbischen Bildschnitzkunst der Spätgotik, die zu seiner Zeit starke Impulse aus den Niederlanden und aus Burgund empfing.

 

| VERZEICHNIS | 14. + 15. JHDT. | 16. + 17. JHDT. |