Michel Erhart: CHRISTUS, der Schmerzensmann,

auf seine Seitenwunde zeigend und Gottvater um Gnade für die Schutzsuchenden bittend.

 

Um 1490-95

Aus Schelklingen-Urspring, Alb-Donau-Kreis. Rechte Schreinfigur vom "Pestbild" eines Kapitelaltars des ehemaligen Klosters Urspring.

Lindenholz. Rund bearbeitet. Rücken in spitz nach unten verlaufender Form ausgehöhlt. Beide Arme, rechte Hand über der Handwurzel wie auch die ausschwingenden Teile des Lendentuchs angestückt. Dornenkrone aus Zweigen gewunden und Dornen angesetzt. Lendentuch vom Wurmfraß stark verfallen, auf der Rückseite verkittet und mit Leinwandstreifen verstärkt. Alte Fassung rnit geringen Ausbesserungen. Inkarnat mit Lasuren weich getönt. Lendentuch außen Gold, innen blau.

H 110 cm, B 38 cm, T 19 cm.

 

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Im Urspringer "Pestbild" steht CHRISTUS, der Schmerzensmann, als Fürsprecher gegenüber der Schutzmantelmaria mit den flehend zu ihm aufschauenden Stiftern. Die vollplastisch geschnittene Figur vermag den im schmalen Schrein vorhandenen Raum als Gegenstück zur breit ausgreifenden Marienfigur auszugleichen. Dazu verhelfen die nach beiden Seiten weit hinausflatternden Enden des Lendentuchs. Die Bewegungen des leicht zur Bildmitte gewendeten Schmerzensmannes sind anatomisch klar verständlich dargestellt und im Gegensinn zur Haltung Mariens komponiert. Die rechte Körperseite ist über dem Standbein stark ausgebogen, der linke Fuß seitlich vorgesetzt, Körper und Kopf nach rechts gewendet. In dramatischen Gesten weist die rechte Hand Christi auf die Seitenwunde, während die linke mit der Nagelwunde hoch erhoben ist. Der Schmerzensmann ist im Vergleich mit der Schutzmantelmaria auffallend größer und wirkt schon durch die rundplastische Bearbeitung viel voluminöser. Offenbar blieb die Ausführung der Christusfigur einer anderen Hand, vermutlich der des Meisters Michel Erhart, vorbehalten. Zu dieser Beurteilung neigen Schahl (1963) und Treu (1981). Zum Ver gleich kann der 1494 von Michel Erhart geschaffene Kruzifixus in Schwäbisch Hall gewählt werden. Beim Schmerzensmann ist der Brustkorb naturgemäß nicht so ausgeprägt. Die Rippenknorpel sind dennoch klar abgesetzt. Das Lendentuch ist in der gleichen Weise, aber seitenverkehrt geschlungen, und die Tuchenden flattern ähnlich geformt zur Seite. Schienbeine, Sehnen oder Wundmale sind naturnah hart geschnitten. Gesichtstypus und Formelemente der Haarbehandlung sind auch bei anderen Christusköpfen des Meisters wiederzufinden.
Der Urspringer Schmerzensmann ist wohl schon vor dem Haller Schmerzensmann entstanden. Er ist als eigenhändiger Beitrag Michel Erharts zu dem von ihm konzipierten "Pestbild" zu betrachten. Dagegen sind die Schutzmantelmaria und die Halbfigur Gottvaters vermutlich unter Mitarbeit eines geübten Bildschnitzers entstanden.

Lit.: Dursch, 1851, S. 25, Nr. 115.-Schuette, 1907, S. 92, 112.-Baum, 1911, S. 88, Anm.1.- Baum 1929, S. 40, Nr. 100 mit Abb. S. 76. - Schahl,1963, S. 49 ff.-Gertrud Otto,1966, S.11 mit Abb.17.-Albrecht Miller,1968, S.81-122.- Anja Broschek, 1973, S. 48, Anm. 9, S. 64, Anm. 20.-Treu,1981, S.164,165.