Werkstatt Michel Erhart unter Beteiligung des Meisters:
SITZENDE MARIA mit Kind

 

 

Um 1490
Aus Geislingen-Binsdorf, Zollernalb-Kreis.
Mittelfigur aus einem Altarschrein. Wohl aus der 1835 durch einen Neubau ersetzten ehemaligen Kollegiatskirche St. Markus, in welcher bis zur Säkularisation 1806 ein Frauenchor der Dominikanerinnen bestand.

Lindenholz. Rückseite flach und ausgehöhlt. Sockel vorne vieleckig beschnitten und profiliert. Rechter Arm des Kindes angestückt. Gefäß ergänzt. Perlen am Ausschnitt des Gewandes teilweise ergänzt. Fassung abgenommen. Farbspuren erkennbar. Lippen der Mutter und des Kindes rot getönt. Pupillen gemalt.
H 90 cm, B 60 cm, T 20 cm.  

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Die BINSDORFER MADONNA ist wohl das ansprechendste Beispiel unter den fünf Sitzmadonnen in der Rottweiler Skulpturensammlung. Der Kopf der Muttergottes ist in mütterlicher Liebe dem auf ihrem Schoß sitzenden Kind zugeneigt. Von dem in weichen Formen empfundenen Antlitz der jungen Frau und Mutter strahlt natürlicher Liebreiz aus. Im edel bemessenen Profil wölbt sich die Stirn in sanfter Schwellung, und vom flach eingesenkten Nasensattel tritt die Nase mit geradlinigem Rücken und feiner Spitze hervor. Über die sanft geschwungenen Lippen und das niedrige Kinn springt das Profil weit zurück zum Hals. Unter den verloren angedeuteten Augenbrauenbogen liegen die Augen mit merklicher Schwellung. Ihr Blick ist in der engen Öffnung der Lider verträumt nach unten gerichtet. Die Wangen wölben sich weich bis zum Kieferbogen.

Das feinfühlig ins weiche Lindenholz geschnittene Gesicht der Muttergottes wird von rhythmisch bewegten Haarwellen umspielt, die dann über Schultern und Brust lebhaft weiterschlängeln. Der Halsausschnitt des Gewandes ist reich mit Perlen verziert, deren Goldglanz ehemals die Festlichkeit des Bildes zu erhöhen vermochte. Die Gottesmutter betrachtet mit wohlwollender Beschaulichkeit den Eifer ihres Kindes, das lebhaft erregt auf ihrem Schoß sitzt und mit dem in einer Dose dargereichten Schmuck spielt. Das leiblich wohlgestaltete Knäblein hält die Weltkugel sichtlich unbekümmert in der kleinen Hand. Der Bildschnitzer der Binsdorfer Madonna hat sich in seinen Vorstellungen vom Vorbild einer in ihrer Mutterschaft erblühten Frau und dem alltäglichen Erlebnis eines spielenden Kindes leiten lassen. Für ihn und seine Auftraggeber sind Menschenwürde und natürliche Schönheit, kindlicher Spieltrieb und unbekümmerte Blöße zum Gegenstand frommer Betrachtung geworden. Vergessen sind die dem irdischen Dasein entrückten Bilder der Hagia Sophia als Thron göttlicher Weisheit. Überwunden sind die Darstellungen der majestätisch thronenden Himmelskönigin mit dem unnahbar erscheinenden Gottessohn. Verblaßt, aber immer noch wirksam, sind die von mystischen Vorstellungen durchwobenen Andachtsbilder zarter Christusminne, scheu verschleierter Mütterlichkeit. Damals neu gefragt waren religiöse Andachtsbilder, die durch ihre rührende Menschlichkeit und Lebensnähe breite Schichten des Volkes in einen beglückenden Bannkreis zu ziehen vermochten. Dafür hat der Bildschnitzer ein über alle Zeiten ansprechendes Beispiel geliefert.

Auffallend ist auch die Stofflichkeit, mit welcher der Bildschnitzer die wechselvoll motivierten Faltenbildungen der Gewänder wiedergibt. Weit verspannte oder ruhig aushängende Stoffbahnen stehen im Kontrast zu einem kleinteiligen, klar durchgeformten Faltengeschiebe. Auf der Brust, den Oberarmen und Knien zeichnet sich der Körper unter dem Stoff deutlich ab. Vergleichbare Formelemente sind, wie die Stilanalysen von Anja Broschek (1973) ergeben haben, bei einigen aus der Werkstatt Michel Erharts stammenden Holzbildwerken nachweisbar. Das Faltengefüge am rechten Ärmel und am umgeschlagenen Mantelende zu Füßen der Binsdorfer Madonna sind auch bei der im Fürstlich Hohenzollerischen Museum Sigmaringen bewahrten Petershausener Kreuztragung am rechten Ärmel des Simon und am Fuß Christi ähnlich gegliedert wiederzufinden. Die Gewänder der Maria sind allerdings plastischer und stofflicher durchgebildet. Mit ihrem weichen Gesicht, der eingezogenen Bauchfalte und den rundlichen Schenkeln des Kindes ähnelt die Binsdorfer Madonna der Muttergottes im Anbetungsrelief des Blaubeurener Altars. Es ist heute trotz eingehender Untersuchungen schwer zu unterscheiden, was ehemals in der Werkstatt Michel Erharts an der Binsdorfer Madonna von geübter Gesellenhand oder vom Meister selbst ausgeführt worden ist. Während Irmtraud Himmelheber (1969) das Bildwerk einem von Michel Erhart beeinflußten Ulmer Meister zuweist und gegen 1480 datiert, ist es nach Auffassung von Anja Broschek (1973) kurz nach 1490 in der Werkstatt Erharts unter Beteiligung des Meisters entstanden.

 

Lit.: Dursch, 1851, S. 27, Nr. 140.-Gröber, 1922, S. 6, Abb. 45.-Baum 1925, S. 26 mit Abb. 28, 29. -Baum, 1929, S. 50, Nr. 170 mit Abb. S. 117.- Paul Schmid, 1934, S. 15, mit Abb. T. 2, Nr. 170.- Weise, 1955, S. 10 mit Abb. 19, 20.-Irmtraud Himmelheber, 1969, S. 33-48.-Anja Broschek, 1973, S.85f,125f,134.Kat.S.174, Nr.22, Abb.70. -Stähle, 1977, S. 39, Nr. 30 mit Abb.