HANS MULTSCHER

Die schwäbische Bildschnitzkunst hat von dem um 1400 in Reichenhofen im Allgäu geborenen und kurz vor 1467 in Ulm gestorbenen Bildhauer Hans Multscher starke Anstöße erhalten. Während seiner Lehrjahre erhielt Hans Multscher eine vielseitige bildhauerische Ausbildung in seiner Heimat im Westallgäu. In seinen Wanderjahren kam der junge Künstler in enge Berührung mit den künstlerischen Bestrebungen in Burgund, Nordfrankreich und den Niederlanden. Der in Plastik und Malerei eingedrungene Realismus niederländisch-burgundischer Prägung hat die schwäbischen Maler Konrad Witz und Lukas Moser angeregt und gab auch dem künstlerischen Schaffen Multschers eine eigene Richtung. Nach seiner Rückkehr in die Heimat war Hans Multscher kurze Zeit im Westallgäu tätig. Der junge Bildhauer suchte jedoch nach einem größeren Arbeitsfeld in der Reichsstadt Ulm, wo er 1427 als freier Bürger aufgenommen wurde. In seiner Heimat besaß Multscher die Freirechte der königsfreien Leute auf der Leutkircher Heide. In der Reichsstadt war er deshalb Freimeister ohne Zunftzwang und brauchte zeitlebens keine Steuern zu zahlen. Im Jahre 1427 heiratete Hans Multscher die Ulmer Bürgerstochter Adelheid Kitzin. Hans Multscher war Steinbildhauer und Bildschnitzer, Tafelmaler und Faßmaler, Kunstschreiner und Modelleur zugleich. Seine Werkstatt war mit Bildhauern und Malern gut besetzt. Auch sein Bruder Heinrich arbeitete als Bildhauer mit. Bei der Leistungsfähigkeit der Werkstatt Multschers und bei der steigenden Zahl der ihr zugeschriebenen Werke wird man sorgfältig nach der eigenhändigen Leistung des Meisters forschen müssen.

Die starke Künstlerpersönlichkeit Multschers, sein Können und sein Stil, machen sich bereits in seinen frühen Werken deutlich bemerkbar. Das Neue in der Ulmer Bildhauerkunst um 1430 kann dem Betrachter kaum eindringlicher vor Augen gestellt werden als am Hauptportal des Münsters, wenn er zuerst an der Vorhalle den von Meister Hartmann um 1421 geschaffenen Steinfiguren der sanft bewegten Heiligen begegnet und dann dem von Hans Multscher um 1429 in Stein gehauenen Schmerzensmann am Mittelpfeiler des Westportals gegenübersteht. Dort noch der "weiche", leicht verträumte Stil des Meisters Hartmann und dann die faszinierende Bewegung des von der Meisterhand Multschers im Stein zum Leben erweckten Christus.

Von der Reichenhofer Madonna (um 1425), die noch als ein Frühwerk Multschers einzuordnen ist, weiter zur Landsberger (1437) und Bihlafinger Muttergottes (1455-60), welche in der Zeit seiner reifen Mannesjahre entstanden sind, bis hin zu der bereits als ein Spätwerk geltenden Sterzinger Madonna (1456-58) zeichnet sich das von enormer Spannkraft zeugende Lebenswerk des Meisters ab. Die vom Heiligkreuztaler Altar (um 1450) stammenden und in Rottweil bewahrten Schreinfiguren der Maria Magdalena und Barbara repräsentieren den Stil des Meisters nahe dem Höhepunkt seines Schaffens.

Multschers Heiligengestalten tragen den Adel des Natürlichen mit Anklängen an das Klassisch Humane. Seine Madonnen sind keine zerbrechlich zarten Geschöpfe, sondern von kräftigem Wuchs und blühender Anmut. Das Heiligmäßige ist dem Irdisch-Menschlichen näher gerückt, das Ideale wird vom Modischen umspielt.

Hans Multscher war befähigt, den Forderungen der bürgerlichen Auftraggeber nach großen, aufwendigen Altaraufbauten nachzukommen, neue Formen für Schnitzaltäre zu entwickeln und seine Entwürfe durch eigens ausgebildete Bildhauer und Maler ausführen zu lassen. Der junge Meister hat das Karg-Retabel (1433) im Ulmer Münster nach altem handwerklichen Herkommen und, wie seine Signatur bezeugt, selbst entworfen und eigenhändig ausgeführt. Bei der Ausführung des Landsberger Altars (1437) waren mehrere Mitarbeiter seiner Werkstatt beteiligt. Die eigenhändige Leistung des Meisters und die Beteiligung der Gehilfen war vertraglich festgelegt. Auch das in Sterzing in Südtirol erstellte Altarwerk (1456-58) ist eine Gemeinschaftsproduktion nach den Plänen und Anweisungen des führenden Meisters. Aus den zerschlagenen Resten oder den verschleppten Teilen dieser Altarwerke lassen sich nur lückenhafte Rekonstruktionen ihrer neuartigen Bauformen und imposanten Größe zusammenfügen.

Hans Multscher war Wegbereiter des aus Burgund und den Niederlanden auch nach Süddeutschland einströmenden Realismus in der spätgotischen Kunst. Als genialer Künstler war er befähigt, sein Können einer jungen Generation von Bildhauern und Malern zu vermitteln. Er gab der schwäbischen Bildschnitzkunst und Altarbaukunst entscheidende Anstöße. Der Ruhm seiner Werkstatt reichte über Schwaben hinaus bis nach Südtirol. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts hat Deutschland keinen bedeutenderen Bildhauer aufzuweisen als Hans Multscher in Ulm.


| VERZEICHNIS | 14. + 15. JHDT. | 16. + 17. JHDT. |