Werkstatt Niklaus Weckmann: ERZENGEL MICHAEL

 

 

Um 1500
Aus Dürnau, Landkreis Göppingen. Schreinfigur oder Gesprengefigur im Gehäuse.

Lindenholz. Rückseite flach und ausgehöhlt. Im Hinterkopf eine runde Aushöhlung. Ein Spannloch im Kopf oben und zwei Spannlöcher in der Standfläche nicht verdübelt. Rechter Unterarm mit Hand angesetzt. Die hochgehaltene Seelenwaage fehlt. Linke Hand im Block geschnitten. Risse und Holzschäden. Fassung abgenommen. Am Mantel rote Farbreste erhalten.
H 91 cm, B 29 cm, T 17 cm. 

 

*

Das Bildwerk ist vom Sammler Dekan Dr. Dursch erstmals 1851, danach auch von Julius Baum (1929) irrtümlich als "Sebastian" bezeichnet worden. Offenbar hat der über den Kopf erhobene rechte Arm des Heiligen zu dieser Bezeichnung verleitet. Zur Kennzeichnung als "Sebastian" fehlen jedoch alle Merkmale des Martyriums: die teilweise Entblößung des Körpers, die übliche Fesselung an einen Baum und die abgeschossenen Pfeile. Nach den 1968 vom Verfasser gewonnenen Erkenntnissen handelt es sich hier um eine Darstellung des ERZENGELS MICHAEL. Der Himmelsbote trägt die Alba mit den über der Brust gekreuzten Gurten als Zeichen des wehrhaften Schwertträgers, darüber den gerafften Mantel. Die in der ursprünglichen Formgebung erhaltene rechte Hand hielt ehemals die Seelenwaage mit den auf beiden Seiten herabhängenden Waagschalen als Zeichen der Tätigkeit des Erzengels beim Jüngsten Gericht. Sankt Michael wird als Nothelfer mit volkstümlicher Beliebtheit verehrt und deshalb hier in wenig Schrecken erregender Weise dargestellt.

Das ansprechende Bildwerk des Seelenwägers Michael ist als eine Sonderleistung von hohem künstlerischem Rang zu bewerten. Der übliche Rahmen für die Haltung einer Standfigur wird hier durch die Bewegung des erhobenen Armes gesprengt. Der Künstler hat das ungewöhnliche Bewegungsmotiv mit geschickten Kürzungen der Armglieder bewältigt. Die freigewordene Brustpartie ist mit zügig angelegten Fältelungen des Gewandes und der Gurtenkreuzung überzeugend ausgenützt. Die Tuchbahn des Mantels hängt nur über die linke Schulter und wird von der linken Hand um die rechte Körperseite gezogen und vorn bis in Gürtelhöhe hochgerafft. Im Faltengefüge des Mantels sind bekannte Formelemente wie die "Zange" kunstvoll angewandt und zügig ineinander verflochten. Die Aushöhlungen auf der Rückseite der Figur (Abb. S. 53) lassen vermuten, daß das verhältnismäßig kleine und leichte Bildwerk für einen gedeckten Standplatz im Gesprenge eines Altarwerks bestimmt war. Einige Stilmerkmale sind als sichere Hinweise zu werten, daß das Bildwerk in der Werkstatt Niklaus Weckmanns entstanden ist. Im Figurentypus ist die S-förmige Gesamtbewegung der Gestalt auch in der Raumtiefe deutlich ausgearbeitet. Die Gesichtsformen des Michael sind markant fleischig geschnitten, die Haare typisch in Strähnen gebündelt. Im Faltengefüge der Gewänder sind einige bekannte Formelemente nach Modellen der Werkstatt angewendet. Auch die Aushöhlung des Hinterkopfes entspricht der speziellen Technik der Weckmann-Werkstatt.

Lit.: Dursch, 1851, S. 21, Nr. 91. - Baum, 1929, S. 41, Nr.105 mit Abb. S. 79.