Werkstatt Niklaus Weckmann: MARIA mit Kind, zu Füßen der Mond

 

Um 1500
Aus Balingen, Zollernalb-Kreis. Schreinfigur. Angeblich aus der evangelischen Stadtkirche.

Lindenholz. Rückseite flach und ausgehöhlt. Im Hinterkopf eine runde Aushöhlung des Kernholzes. Beide Arme des Kindes angestückt. Seine linke Hand hält die Weltkugel. Kopftuch der Mutter an der rechten Seite ergänzt. Fassung abgenommen.
H 158 cm, B 55 cm, T 32 cm.

 

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Die Herkunft der Balinger Mondsichelmadonna ist nicht vollständig geklärt. Das Bildwerk, so berichtet Dursch (1851), "soll früher in der Pfarrkirche zu Balingen gewesen sein". Nach den nicht weiter belegten Angaben von Baum (1929) kommt die Madonna "aus der Stadtkirche in Balingen". Hier muß einschränkend festgehalten werden, daß das Bildwerk "angeblich" aus der heute evangelischen Stadtkirche in Balingen stammt und dort wohl als Mittelfigur im Schrein des ehemaligen Hochaltars diente. Die Christusträgerin von Balingen hat zu ihren Füßen den Halbmond als Hinweis auf die Gleichsetzung Mariens mit der über den Wolken erschienenen Frauengestalt der Apokalypse. In die spitze Mondsichel ist ein Männergesicht eingespannt, das als Selbstdarstellung des Bildschnitzers und seine Unterwerfung unter die sieghafte Frau und Gottesmutter gedeutet werden kann. Zur kostbaren Ausstattung des Holzbildwerks gehörten Farbe und Gold der verlorenen Fassung. Als Zeichen ihrer überirdischen Stellung trug die Himmelskönigin eine vergoldete Krone, die man über dem schwungvoll ausholenden Kopftuch nicht vermißt.

Die Balinger Muttergottes strahlt vornehme Ruhe und mütterliche Anmut aus. Die versonnen in sich gekehrte Mutter trägt mit ruhiger Gelassenheit das Kind auf der linken Seite. Die von der Verlagerung der Körperlast verursachte Ausschwingung der linken Hüfte kann nur erahnt werden, denn sie wird von dem auf dem Arm Mariens sitzenden Kind und dem von der rechten Hand über den Körper gezogenen Mantel verdeckt. Das entlastete Spielbein drängt gegen die Mondsichel. Die Haltung des Oberkörpers ist ruhig ausgeglichen. Die Schultern stehen frontal und fast gleich hoch. Nur der Kopf wendet sich ein wenig zur Seite. Die Bewegung der Haare und des Kopftuches bringt Leben in die unbekümmerte Gelassenheit und führt den Blick des Betrachters auf das Kind. Entgegen der vereinfachenden Art, den Kontrapost in der Verlagerung der Körperlast fast nur noch durch seitlich ausschlagende Bewegungen anzudeuten, hat sich der Bildschnitzer bemüht, die S-förmige Körperbewegung auch in der Raumtiefe zu bewältigen. Er greift damit, vielleicht noch unbewußt, die in der Renaissance nach dem Vorbild der klassischen Antike gepflegte Darstellung des stehenden Menschen auf und verdeckt seine Gestalt mit einer reich motivierten Drapierung von Gewand und Mantel. Sein Bemühen konnte sich bei der Anlage der Figur im verfügbaren Holzblock und bei der Formung einzelner Faltengebilde auf die in der Werkstatt verwendeten Kleinmodelle stützen. Auch die Balinger Madonna wiederholt den Figurentypus der Werkstatt Niklaus Weckmanns. Selbst die zusätzliche Aushöhlung des Hinterkopfes entspricht einer speziellen Übung seiner Werkstatt.

 

Die hohe künstlerische Qualität der Balinger Muttergottes legt die Vermutung nahe, daß der Meister selbst dem Bildwerk die eindrucksvolle Haltung, den Formzusammenhängen den letzten Schnitt gegeben hat. Leider hat die Oberfläche des Holzes unter den verschiedenen Einwirkungen viele kleine Beschädigungen erfahren, die den zügigen Schnitt nur noch ahnen lassen (Abb. S. 47). Die Balinger Maria hat eine breite, weich gewölbte Stirn, die grenzlos über die Brauenbogen in die Augenhöhlen hinüberführt. Die Augenlider sind schwungvoll geschnitten, die Wangen mit vollen Bäckchen gerundet. Der Mund ist verhältnismäßig schmal. Nase, Lippen und Kieferbogen geben dem sonst milden Ausdruck des Gesichts einige härtere Züge. Dies ist vielleicht ein Grund, warum die Stilverwandtschaft der Balinger mit der Bingener und Laizer Madonna (93) bisher nicht erkannt worden ist. Die Gesichtsformen entsprechen jedoch in ihrer Anlage dem in der Weckmann Werkstatt üblichen Typus von Frauenköpfen.

Das Kopftuch der Balinger Muttergottes bedeckt das gescheitelte Haar mit eigenwilliger Motivierung, aber ebenso lockerer Weise wie bei der Laizer Madonna. Im weit ausholenden Schwung der Haare wie in den über die Schulter auf die Brust rieselnden Haarwellen ist die Lust des Bildschnitzers zu spüren, freizügig zu gestalten. Auch bei der feinen Fältelung des Gewandes, die vom gesäumten Halsausschnitt zum überdeckten Gürtel führt, ist die Zügigkeit des Meisters zu erkennen. Die Raffung des Mantels durch die rechte Hand, der Umschlag des Tuches über den linken Unterarm, das Faltenbündel unter der raffenden Hand, das stufenweise Aushängen der Faltengebilde über dem linken Knie sind dagegen als Wiederholungen nach Modellen durch einen Mitarbeiter zu bewerten.

Während die Laizer Madonna (93) als eigenhändiges Werk des jüngeren Syrlin galt, versuchte Georg Weise (1955) die Balinger Muttergottes als Abkömmling der Ulmer Bildschnitzkunst "einem der in das schwäbische Gebiet abgewanderten Künstler" zuzuweisen. Seit den Forschungen von Deutsch ist bekannt, daß das Arbeitsgebiet der leistungsfähigen Werkstatt Niklaus Weckmanns vom Kocher bis zur oberen Donau und Westalb reichte.

Die dargelegten Zusammenhänge führen zu der Erkenntnis, daß auch die Balinger Mondsichelmadonna in der Werkstatt Niklaus Weckmanns des ÄIteren unter der persönlichen Einwirkung des Meisters entstanden ist. Wie bei der Laizer und der Bingener Madonna tritt auch hier die Kunst Weckmanns in dem breiten, kompakten Aufbau der Figur, den vollen, fleischigen Gesichtsformen und dem versonnenen, fast gelassenen Wesen der Christusträgerin in Erscheinung. Der Figurentypus folgt den Werkstattgepflogenheiten bis in viele Einzelheiten der Gewanddrapierung oder der Faltenbildungen. Selbst die Aushöhlung des Hinterkopfes ist vorhanden. Obwohl die Madonnen Weckmanns im Hochbetrieb seiner Werkstatt und in dichter Folge entstanden sind, unterscheiden sie sich in ihrer künstlerischen Eigenart. Von den hier in die Betrachtung einbezogenen Madonnen dürfte die Bingener gegen 1496, die Laizer um 1500, die Balinger ebenfalls um 1500 oder kurz danach entstanden sein.

 

Lit.: Dursch, 1851, S. 25, Nr. 117. - Baum, 1911, S. 59. - Baum, 1925, S. 27, Abb. 36, 38. - Baum, 1929, S. 50, Nr. 171 mit Abb. S. 118, 120. - Paul Schmid, 1934, S. 91 mit Abb. T. 30, Nr. 171. - Weise, 1955, S. 12 mit Abb. 25, 27. - Stähle. 1977. S. 43. Nr. 35. mit Abb.