Neckarschwäbischer Bildschnitzer: VESPERBILD

 

 

Um 1500
Aus Geislingen, Zollernalb-Kreis. Andachtsbild.

Lindenholz, im unteren Bereich vermorscht. Figurengruppe aus dem Holzblock geschnitten. Rückseite flach bearbeitet und nur wenig bis in den Hinterkopf Mariens ausgehöhlt. Zwischen dem linken Arm und dem Körper Christi ein Durchbruch. Verschiedene Risse und Ausbrüche. Fassung abgenommen. Reste einer weißen Grundierung erkennbar.
H 57,5 cm, B 42,5 cm, T 22 cm.

 

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Das VESPERBILD, auch Pietà genannt, nimmt unter den bildnerischen Darstellungen des Leidens Christi eine Sonderstellung ein. Der Anblick des erstarrten Leichnams Christi und der Schmerzensmutter Maria erregt die Anteilnahme der von eigenem Leid betroffenen Betrachter. Das Vesperbild diente den Gebetsgemeinschaften, besonders in den Klöstern, als Mittelpunkt gemeinsamer Andachten und Gebete zur Zeit der Vesper. Das Vesperbild aus Geislingen weicht von der üblichen Gruppierung des auf dem Schoß der Mutter liegenden Leichnams Christi ab. Hier liegt der Tote nach der Abnahme vom Kreuz am Boden. Sein steil aufgerichteter Körper wird von der dahinter knienden Mutter gestützt: eine Hilfestellung, die bei den zur BEWEINUNG CHRISTI vereinten Trauernden Frauen vom Jünger Johannes übernommen wird. Der Bildschnitzer war bemüht, seine eigenartige Komposition im verfügbaren Stammholz eng gedrängt unterzubringen. Dabei sind die Beine des Leichnams etwas kurz geraten.

Die Schmerzensmutter kniet aufgerichtet, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Sie stützt mit beiden Händen das sinkende Haupt Christi. In ihrem vom Kopftuch überschatteten Gesicht kommen der verhaltene Schreck und die Trauer über den Tod ihres Sohnes zum Ausdruck. Ihre Augen sind suchend ins Leere gerichtet, als ob sie eine Antwort auf die Frage nach dem Warum erwarten wolle. Doch ihr Mund ist fest verschlossen. Hule und Kopftuch geben einen bewegten Rahmen um das im Dunkel verborgene Antlitz. Der rechte Unterarm Mariens liegt an der Grundlinie eines Kompositionsdreiecks, in das die beiden Köpfe als wichtige Ausdrucksträger einbezogen sind. Die Hand der Mutter stützt behutsam das zur Seite gesunkene Haupt ihres Sohnes. Die Dornenkrone ist dem Toten abgenommen, und die Haare fallen auf die Schultern nieder. Das Antlitz ist von den überstandenen Qualen gezeichnet. Die Augen sind fast geschlossen. Entspannung ist eingetreten. Die Arme hängen schlaff herunter. Der leblose Körper ist in den Hüften scharf abgewinkelt. Die Beine liegen am Boden und folgen der Grundlinie in der dreieckigen Komposition des ungewöhnlichen Vesperbildes. Das Bildwerk hat durch die erlittenen Schäden viel von seinem künstlerischen Wert verloren. Seine Entstehungszeit um oder nach 1500 und die von Dursch (1851 ) mitgeteilte Herkunft aus Geislingen legen die Vermutung nahe, daß das eigenständige Andachtsbild von der spätgotischen Ausstattung der Pfarrkirche stammt. Ein Zusammenhang mit den von Dursch ebenfalls in Geislingen erworbenen Bildwerken kann nicht sicher beurteilt werden, obwohl einige Merkmale dort wiederzufinden sind.

Lit.: Dursch, 1851, S. 9, Nr. 11. - Baum, 1929, S. 50, Nr. 172 mit Abb. S. 122.